Inspiration - Texte zur Gewaltfreien Kommunikation


Das Prinzip KPU - Simran K. Wester

„Wenn du auf das Herz eines Menschen lauschst, wirst du ihn besser leiden können.“
Hinter diesem Satz von Marshall Rosenberg steckt das Prinzip KPU – Konstante Positive Unterstellung.
Anstatt dem anderen blöde oder gar böse Absichten zu unterstellen, suchen wir hinter einem Verhalten, das uns nicht gefällt, worum es dem anderen eigentlich gehen könnte.
Eine Mutter ist z.B. sehr erleichtert und berührt, als sie begreift, warum ihre älteste Tochter immer nicht zum Essen herunter kommt, wenn sie die ganze Familie mit einem Ruf durchs Haus dazu eingeladen hat. Das hat sie immer geärgert: Die will wohl, dass man ihr die Einladung auf dem Silbertablett serviert? Als sie nach dem „guten Grund hinter dem bescheuerten Verhalten“ sucht, indem sie sich fragt, worum es ihr selbst wohl ginge, wenn sie sich so verhalten würde, kommt sie darauf, dass die Tochter sich womöglich mehr Nähe wünscht und persönliche Ansprache, dass es ihr letztlich um eine liebevolle, achtsame Verbindung gehen könnte. Das nächste Mal steigt sie die Treppen hinauf und geht zu ihrer Tochter ins Zimmer, um zu schauen, ob sie bereit ist, zum Essen zu kommen. Diese kleine Geste hat ihre Beziehung grundlegend verändert, wie durch ein Wunder sind auch alle anderen Spannungen jetzt viel leichter aufzulösen oder entstehen gar nicht erst.
Andere „gute Gründe“ hinter Verhaltensweisen wie Nein-sagen, Unpünktlichkeit, etwas vergessen, lügen usw. können sein: Selbstbestimmung, angenommen werden wie man ist, Zugehörigkeit, berücksichtigt werden, gefragt werden, spielen, lernen... eigentlich die ganze Palette an menschlichen Bedürfnissen.
Wenn wir uns mit den guten Gründen verbinden, den Bedürfnissen hinter einem Verhalten, bedeutet es nicht, dass wir diesem Verhalten zustimmen oder auf die Vorstellung des anderen eingehen müssten, es schafft einfach nur wieder die Verbindung zwischen uns, durch die wir leichter Wege finden, die für beide passen. Und Ärgern erweist sich meist als ziemliche Energieverschwendung ;-).

Hier ist eines meiner Lieblingslieder, das genau zu diesem Thema passt, gesungen von Marshall Rosenberg: www.youtube.com

See me beautiful, look for the best in me, that‘s what I really am and all I want to be, it may take some time, it may be hard to find, but see me beautiful.
See me beautiful,each and every day, could you take a chance, could you find a way, to see me shining through in everything I do, and see me beautiful.

Singbare Übersetzung:
Sieh mich wunderschön, schau nach dem Besten in mir, so bin ich eigentlich, so möchte ich wirklich sein, vielleicht braucht es lang, vielleicht schwer zu sehen, aber sieh mich wunderschön.
Sieh mich wunderschön, jeden einzelnen Tag, kannst du es ausprobieren, und einen Weg finden, mich dahinter zu sehen, in allem was ich tue, und sieh mich wunderschön.



Die Alpha-Form - Simran K. Wester

Ein Baum, der ungehindert wachsen kann, wächst in seine Alpha-Form hinein. Das ist seine Idealform, und das „Wissen“ um diese Form ist schon im Samenkorn angelegt. Es ist dieses „Wissen“, an dem der Baum sich in seinem Wachstum orientiert. Es steuert und befeuert sein Streben nach Entfaltung. Es ist sein Potenzial.
Nach meinem Verständnis hat jedes Lebewesen eine Alpha-Form, auch wir Menschen. Es ist unsere größte Sehnsucht, in diese Alpha-Form hinein zu wachsen und zu werden, wer wir eigentlich sind. Wir sind glücklich, wenn uns das gelingt, und unglücklich, wenn dieses Wachstum behindert ist.
So wie ich es verstehe, besteht zwischen der Alpha-Form, unserem Potenzial, und unseren Bedürfnissen ein enger Zusammenhang. Sie sind wie Qualitäten, die in uns angelegt sind und sich nach Entfaltung und Erfüllung sehnen. Es macht uns beispielsweise glücklich, wenn wir in liebevollen Beziehungen und in Harmonie leben können, wenn wir angenommen sind wie wir sind, wenn wir selbst über unser Leben bestimmen und bereichernd beitragen können, wenn wir unserer Kreativität Raum geben und Achtsamkeit und Selbstfürsorge lernen können. Usw. Die Bedürfnisse liegen sozusagen an der Wurzel unserer Alpha-Form, sie bringen uns dazu, uns zu engagieren und sie geben unserem Tun eine Richtung.
Gleichzeitig gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Baum, der vollkommen in seiner Alpha Form wäre, kein einziges Lebewesen, keinen einzigen Menschen. Wir befinden uns irgendwo auf dem Weg dahin, in stetigem Wandel, mal näher dran, mal weiter entfernt. Dies zu akzeptieren und damit in Frieden zu sein, ist ebenfalls eines unserer Bedürfnisse, dessen Erfüllung zu unserem Glück beiträgt.

Ein Paradox.
Mich annehmen wie ich bin und gleichzeitig das in mein Leben zu holen, was mich glücklich macht. Werden, wer ich eigentlich bin.
Andere annehmen, wie sie sind und gleichzeitig sie darin unterstützen, das in ihr Leben zu holen, was sie beglückt. Damit sie werden, wer sie eigentlich sind.



Bitten aus der Fülle

Es ist ein warmer Sommertag, der erste Ferientag nach einem langen Schuljahr. Die Frau sitzt mit ihren KollegInnen an einem wunderschönen kleinen See am Rande von Hamburg und genießt den Frieden und die üppige Pracht der Natur. Ein Stückchen entfernt sitzt eine Gruppe junge Männer mit ihren Bierkästen, sie haben Tattoos auf den muskelstarken Armen. Als sie irgendwann aufstehen und zu ihren Autos gehen, hinterlassen sie eine ganze Menge Müll. Die Frau ist erschrocken über den Anblick der herumliegenden Flaschen, zusammengeknüllten Alufolien und Papierfetzen. Sie denkt, wie kann man so eine schöne Umgebung nur so achtlos beschmutzen? Spontan springt sie auf und läuft den Männern hinterher. Während sie auf sie zuläuft, denkt sie noch, auweia, was mach ich hier, bin ich verrückt? Als sie bei ihnen ankommt, sagt sie zu ihnen: „Entschuldigung, ich möchte Sie um etwas bitten.“ Die Männer schauen sie skeptisch an. Was kommt jetzt? „Sie sind gerade von Ihrem Platz aufgestanden und haben Ihren Müll da liegen gelassen.“ Die Männer blicken hinunter zu dem Platz, wo sie gerade gelagert haben. Und da holt die Frau tief Luft, ihr Herz geht ganz auf und es bricht aus ihr heraus: „Dieser See ist so wunderschön und es ist so toll, dass er so nahe bei Hamburg liegt und wir ihn alle genießen können – wären Sie bereit, Ihren Müll einzusammeln und mitzunehmen, damit wir alle ihn noch lange so genießen können?“ „Ja klar, kein Problem“. Haben sie gemacht und war kein Problem.
Wie anders hätte diese Szene ausgehen können, wenn die Frau nicht aus der Freude über diesen Ort gesprochen, sondern geschimpft, gejammert oder gedroht hätte.
Die Wirkung der Gewaltfreien Kommunikation entsteht nicht durch eine bestimmte Wortwahl, sondern vor allem dadurch, dass unsere Worte durch das getragen sind, was uns kostbar ist und uns lebendig macht. Dass sie aus dem Herzen kommen. Ob wir aus der Fülle kommen oder aus dem Mangel, ob wir einladen oder beklagen, macht einen himmelweiten Unterschied.



Yoga und GFK - Simran K. Wester

„Können Leute die Yoga machen, besser gewaltfrei kommunizieren? Wie ist deine Erfahrung damit?“
Die Antwort von Marshall Rosenberg auf diese Frage war: „Besser würde ich nicht sagen, aber mein Eindruck ist, dass sie es leichter lernen.“
 
Gewaltfreie Kommunikation ist für mich Yoga in der Kommunikation: eine Fortsetzung der Achtsamkeit mit dem eigenen Körper und der eigenen Befindlichkeit auf der Ebene der Kommunikation. Grundlegend ist dabei das Verständnis, dass jede/r von uns eine Seele ist, die die Erfahrung macht, Mensch zu sein. Dass wir alle aus derselben Quelle stammen und dieselben Bedürfnisse haben. Und mit allem, was wir tun, letztlich glücklich werden wollen.



Feindbilder-Übung - Simran K. Wester

„Nee, diese Übung bringt keinen Spaß! Jetzt kann ich auf gar niemanden mehr schimpfen!“ Kopfschütteln.
 
Das war der Kommentar eines Kursteilnehmers, nachdem er die Übung zu der Arbeit mit Feindbildern nach Miki Kashtan gemacht hatte. So ging es einigen anderen auch - vorher war ihr Weltbild klar: bestimmte Politiker sind korrupt oder machtbesessen, der Kollege ist inkompetent, Rechtsüberholer sind verantwortungslos, die Bekannte ist hinterhältig, Polizisten sind...
 
Mir selbst hat diese Übung geholfen, ein unbewusstes Vorurteil aufzudecken: Leute, die bei mir „im Verdacht“ standen, ihre Bildung auf dem 2. Bildungsweg erhalten zu haben, waren nach diesem Vorurteil intellektuell nicht ernst zu nehmen. Erst als ich mich gefragt habe: wieso eigentlich und was habe ich davon, schon so lange und unbemerkt an diesem Vorurteil festzuhalten? wurde mir bewusst, dass ich diese Einstellung unbesehen von meiner Herkunftsfamilie übernommen hatte, die überwiegend aus dem Bildungsbürgertum stammt. Diese Überzeugung weiter zu tragen war ein Weg gewesen, meine Zugehörigkeit zu dieser Familie und zu dieser Schicht innerhalb der Gesellschaft zu sichern.
Es war für mich sehr aufschlussreich, das zu erkennen, denn es gibt natürlich andere Wege, wie ich meine Zugehörigkeiten sichern kann, als durch unhinterfragte Vorurteile – und ich kann ganz klar für die Hochachtung einstehen, die ich dafür habe, wenn jemand seine Bildung auf dem 2. Bildungsweg erlangt hat.



Die Schönheit sehen - Simran K. Wester

Eines Tages kam Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter einen Brief. Er sagte ihr: „Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben und gesagt, ich solle ihn nur meiner Mutter zu lesen geben.“ Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: „Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst.“ Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.“ Edison weinte stundenlang. Dann schrieb er in sein Tagebuch: „Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.“
Dazu fällt mir folgender Satz von Marshall Rosenberg ein: „Die Schönheit in anderen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn sie sich auf eine Weise verhalten, die es am schwersten macht, sie zu sehen.“



Wofür wir unsere Partner haben… - Simran K. Wester

Lange Zeit war ich auf der Suche nach dem, was wirklich sinnvoll ist in diesem Leben. Was wirklich lohnt, meine Energie zu investieren und mich tief befriedigen würde.  Gefunden habe ich: bedingungslos lieben zu lernen. Seither orientiere ich, was ich tue, an diesem Motiv, es hat oberste Priorität. Zu lernen, alles in mir und in der Welt liebevoll anzuschauen, auch die Dinge, die eine für mich schwierige „Verpackung“ haben, motiviert mich und gibt mir Kraft und Geduld. Und es schenkt mir immer wieder Augenblicke tiefer Verbundenheit, tiefer Einsicht und grundlegender Freiheit.



Radikale Selbstannahme - Simran K. Wester

Wenn wir eine äußere Wunde haben, versorgen wir sie mit einem Pflaster oder Verband und passen gut auf, dass sie heilen kann. Auch andere sind dann rücksichtsvoller und akzeptieren unsere eventuellen Einschränkungen, die uns anders sein lassen als die Norm.
Wenn wir innere Verletzungen tragen, kann das ganz anders sein. Dann gestehen wir uns unseren Schmerz oft nicht ein oder zu, tun so als ob nichts wäre und erwarten, dass wir normal funktionieren. Weil wir uns eine Maske aufsetzen und diese besondere Empfindlichkeit nicht nach außen kommunizieren, erwarten auch andere von uns, dass wir uns „nicht anstellen“. Was es uns wiederum noch schwerer macht, zu uns zu stehen. Und dann erwarten wir wiederum auch von anderen, sich „zusammen zu reißen“. Ein Teufelskreis, bei dem unsere Authentizität komplett auf der Strecke bleibt.
 
Liebevolle, einfühlsame, grundlegende Selbstannahme ist der Schlüssel. So wie ich bin, bin ich, und das ist in Ordnung. Wenn die Schöpfung mich anders gewollt hätte, wäre ich anders. Mit dieser Akzeptanz kann ich schauen, was ich in meinem Leben verändern und was ich behalten will.



„Wenn Menschen Liebe gepredigt wird, lernen sie nicht lieben, sondern predigen.“ - Simran K. Wester

Dieser Satz von Alice Miller bestätigt mir, was die Haltung der GfK nahelegt: gelebtes Mitgefühl ist ansteckend, sozusagen.
Wir lernen aus der Erfahrung, sie geht direkt ins Herz.
Wenn ich den Raum des Mitgefühls öffne, können wir ihn beide betreten. Wenn ich nur darüber spreche, bleibt es ein schöner Gedanke.
 
Eine Mutter schleift mit zusammengekniffenen Lippen einen kleinen Jungen am Arm durch die Wartehalle des Flughafens. Das Kind schreit verzweifelt und flehentlich „Mama! Mamaaa!!!“ Alle schauen betreten weg. Ich halte es kaum aus, in mir fängt alles an mitzuschreien. Entsetzte, wütende Gedanken gehen mir durch den Kopf, mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich stelle mir vor, wie ich ihr den Jungen entreiße und versuche ihn zu trösten, oder wie ich sie stoppe und ihr sage, wie unmöglich sie sich verhält, wie sie gerade dabei ist, den Jungen zu traumatisieren und wie wichtig gerade in diesem Alter liebevolles Verständnis ist. Im Kopf fallen mir tausend Sachen ein, die ich ihr erklären und nahelegen würde. Und ich weiß natürlich, dass das nichts bringen würde außer vielleicht eine wütende Reaktion ihrerseits. Dann stelle ich mir vor, wie ich sie stoppen würde, sie einladen würde, sich mit mir hinzusetzen, ich würde den Jungen vielleicht auf den Schoß nehmen und sie anschauen und fragen, was denn gerade los sei. Ihr signalisieren, dass ich eine Ahnung habe, dass sie gerade ganz furchtbar im Stress sei, und ob ich vielleicht irgendetwas für sie tun könne? In meiner Fantasie wird sie dann ganz weich, fängt vielleicht an zu weinen, nimmt den Jungen vielleicht selbst auf den Schoß. Ich schau sie liebevoll an und lass ihr den Raum, sich wieder einzufangen. Puh, das entspannt mich auch. Vielleicht finde ich das nächste Mal den Mut, das auch tatsächlich umzusetzen.



Warum-Fragen - Simran K. Wester

Warum machst du deine Hausaufgaben so nachlässig?
Warum interessieren dich meine Sachen nicht?
Warum verbringst du so viel Zeit am Computer?
Warum hältst du dich nicht an unsere Abmachung?
 
Die Antwort auf diese Fragen ist sehr wahrscheinlich eine Rechtfertigung oder eine Verteidigung. Verständlich – die Fragen beinhalten eine Unterstellung, ein Urteil über den anderen. Solche Fragen -  und die Reaktion darauf - behindern  eine gute Verbindung und münden leicht in einen Machtkampf.
Auf „warum“-Fragen wollen wir oft keine ehrliche Antwort, sondern wollen nur unserem Schmerz, unserer Enttäuschung oder Ratlosigkeit Ausdruck verleihen. Wenn wir so eine Frage stellen, schieben wir unbewusst dem anderen die Verantwortung für unsere Gefühle und unseren Zustand zu.
 
Was hilft an der Stelle, ist erst einmal Selbstempathie. Wenn ich mir ein- und zugestehe, dass ich enttäuscht, ratlos oder verletzt bin, kann ich nach den Bedürfnissen suchen, die bei mir dabei betroffen sind. Neben z.B. Würdigung, Rücksichtnahme, Zuwendung und Verstanden werden geht es mit großer Wahrscheinlichkeit auch darum, wirklich zu verstehen, wieso der andere sich so verhält – welche Bedürfnisse er sich also mit seinem Verhalten erfüllt oder erfüllen möchte.
 
Selbstverantwortung bedeutet, die Zuständigkeit für die Erfüllung meiner Bedürfnisse bei mir zu lassen. Mich damit zu verbinden, wie wunderbar es wäre, wenn sie erfüllt wären, und aus dieser Energie heraus den anderen einzuladen, zu ihrer Erfüllung beizutragen. Dann kann ich das Urteil über den anderen loslassen und wirklich bitten. Meine Fragen an den anderen hören sich dann vielleicht so an:
Wie geht es dir mit den Hausaufgaben?
Was müsste gegeben sein, dass du mir gerne zuhörst?
Was ist es, was dich so viel Zeit am Computer verbringen lässt?
Wie stellst du dir unsere Abmachung vor?
 
„Wie“- oder „was“- Fragen laden den anderen eher ein, von sich zu sprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dabei etwas lerne, ist groß, und dass eine gute Verbindung entsteht, ebenso.
Und letztlich hängt natürlich alles von meiner Haltung ab – wenn ich den anderen für schuldig, dumm oder verantwortungslos halte, hilft die schönste Formulierung nichts. Immerhin kann die Vermeidung des Wörtchens „warum“ mich vielleicht daran erinnern, meine Urteile loszulassen, bevor ich den anderen anspreche. Ohne gute Verbindung wird sich eh nichts ändern.



Psycho-Quatsch - Simran K. Wester

Tom kommt zur Tür herein und lässt sich auf das Sofa fallen.
Marina: Oh, was ist los? Wie fühlst du dich?
Tom: Echt doof. Ich fühl mich echt ausgetrickst!
Marina: Also Tom, du weißt doch. Das ist kein Gefühl. Welches Gefühl ist da in dir?
Tom: Ach, weiß nicht. Was soll die Frage? Bist du jetzt meine Psychologin?
Marina: Ich versuch doch nur dich zu verstehen. Darum will ich wissen, wie du dich fühlst und welche Bedürfnisse bei dir unerfüllt sind.
Tom: Och nee, lass mich in Ruhe mit dem Psychoquatsch, das nervt!
 
Als begeisterter GfK-Neuling können wir leicht eine derartige Bauchlandung erleben, weil wir die GfK am Anfang oft noch mechanisch und unempathisch anwenden. Wenn unser Gegenüber nur einen geringen Zugang zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen hat, hilft es nichts, diese abzufragen. Wenn wir stattdessen eine empathische Vermutung anbieten, ist die Chance viel größer, dass wir in Verbindung kommen. Der Dialog zwischen Marina und Tom könnte sich dann so anhören:
 
Marina: Oh, was ist los? Du siehst ja bedrückt aus, geht’s dir nicht so gut?
Tom: Nee, ich fühl mich total doof, echt ausgetrickst. Das ist so gemein!
Marina: Mh.  Hört sich an, als ob du dich über etwas ärgerst?
Tom: Ja, der Werner hat einfach meine Fotos genommen und auf seine Facebook-Seite gestellt, das geht gar nicht!
Marina: Welche Fotos denn?
Tom: ….
Marina: Wow, okay. Du bist echt verletzt, ne?
Tom: Ja, total.
Marina: Hat er dich gar nicht gefragt?
Tom: Nee, hat er nicht. Total rücksichtslos!
Marina: Puh, verstehe. Du hättest es echt geschätzt, gefragt zu werden, richtig? Oder dass überhaupt Rücksicht darauf genommen wird, dass Du das selbst entscheiden willst, was mit den Fotos passiert, ne?
Tom: Ja genau. Das wäre gut gewesen. Das wär mir wichtig gewesen.
Marina: Mh. Und jetzt? Willst du das mal mit ihm ansprechen?
Tom: Weiß nicht. Mal schauen. Ich würde echt gerne wissen, was er sich dabei gedacht hat.
 
Die wichtigste Voraussetzung für gelingende Kommunikation ist,  eine verständnisvolle Verbindung herzustellen. Dann können wir alle Konzepte von Richtig und Falsch loslassen und einfach unserem Herzen folgen. Kann sogar sein, dass wir gar nichts sagen, sondern nur still unsere Aufmerksamkeit auf die Gefühle und Bedürfnisse des anderen richten und „mitschwingen“ – der Raum, der dadurch für den anderen entsteht, kann es ihm ermöglichen, sich zu klären und wieder ganz bei sich anzukommen.



Mangel und Fülle - Simran K. Wester

„Ich habe seit zwei Monaten jedes Wochenende allein verbracht. Ich fühl mich ziemlich einsam. Mir fehlt einfach Gemeinschaft. Könntest Du Dir vorstellen, mir am kommenden Wochenende Gesellschaft zu leisten?“
 
„Ich habe die letzten beiden Monate jedes Wochenende allein verbracht. Ich merke, dass ich langsam einsam werde und mich nach Gemeinschaft sehne. Für mich wäre es klasse, wenn wir das kommende Wochenende zusammen verbringen könnten – hast Du Lust?“
 
Auf welche dieser beiden Bitten würdest Du lieber mit „ja“ antworten? Auf den ersten Blick sind sie beide astrein GfK-mäßig. Was ist der Unterschied? Wenn man sie hören würde, wäre der Unterschied noch deutlicher: die erste klingt vermutlich ein bisschen bittend, die andere eher einladend; die erste drückt ein bisschen auf die Tränendrüse, die zweite lässt Spaß vermuten. Die erste kommt aus einem Mangel-Bewusstsein, die zweite aus einem Fülle-Bewusstsein.
Ob wir aus „Mangel-Land“ oder „Fülle-Land“ kommen, hängt davon ab, wie gut wir unsere Bedürfnisse annehmen und wertschätzen können. Es lohnt sich, die Vorstellung der Erfülltheit eines Bedürfnisses körperlich auszudrücken, das wir gerade als nicht erfüllt erleben: die Energie, mit der wir uns dann dafür einsetzen, wird eine ganz andere sein.



Vier gute Gründe zu atmen - Simran K. Wester

Wenn du merkst, dass du wütend wirst, hast du drei Optionen:
a) Du folgst dem Impuls deiner Wut und lässt sie einfach raus (meist beruhen deine Urteile dabei allerdings auf unempathischen Interpretationen…)
b) Du unterdrückst deine Wut (und sie vergiftet dich und deine Beziehungen…)
c) Du transformierst sie durch Atmen und Anerkennung deiner darunter verborgenen Gefühle und Bedürfnisse. J
 
Hier kommen vier gute Gründe, warum es hilft, dann zu atmen:
1) Dann sagen wir nichts, was wir nachher bereuen könnten.
2) Die Luft, die wir durch die Nase einatmen, kühlt den Vorderhirnlappen ein wenig, wodurch er wieder „angeschaltet“ werden kann, nachdem er durch das Adrenalin im Blut und die damit zusammen hängende leichte Temperaturerhöhung im Gehirn abgeschaltet wurde (dort sind all die guten Konzepte wie GfK usw. gespeichert – wenn wir wütend sind, steht uns nur das Mittelhirn mit den alten Mustern zur Verfügung oder das Stammhirn mit dem Notfallprogramm von Angriff, Flucht oder Erstarrung).
3) Tief zu Atmen weitet den Brustraum, lässt das Herz freier schlagen und  verbindet uns wieder mit unseren anderen Gefühlen.
4) Der zusätzliche Sauerstoff, der dadurch ins Blut kommt, hilft, das Adrenalin abzubauen (besonders natürlich, wenn wir mal eben raus gehen dafür…)
 
Wenn wir unseren wütenden Gedanken dann mit etwas innerem Abstand empathisch zuhören, können wir die darunter liegende Not und die unerfüllten Bedürfnisse erkennen – und habe mehr innere Freiheit, einvernehmliche Wege für ihre Erfüllung zu finden, als wenn wir noch im Adrenalin-Rausch sind.
In diesem Sinne: atme für deinen inneren und äußeren Frieden!



Die Geschichte von der Schaf-Farm - Autor unbekannt

Ein Farmer hatte viele Schafe, die auf den Weiden seiner Farm weideten.
Eines Tages zog auf die Nachbarfarm ein neuer Farmer ein, der ein paar große, wilde, frei herumlaufende Hunde hatte. Bald schon entdeckten die Hunde die benachbarte Schafherde und fielen jeden Tag über sie her, verschreckten die Schafe und rissen auch ein paar.
Der Schaf-Farmer war entsetzt. Er fuhr zu seinem Nachbarn und forderte von ihm, dass er seine Hunde anketten oder einsperren müsste. Der Nachbar zuckte nur mit den Schultern und meinte, das sei nicht sein Problem.
Der Schaf-Farmer war sehr wütend, aber er fuhr erstmal nach Hause zurück, um zu überlegen, was er tun könnte.
Er könnte die Felder des Nachbarn verwüsten – danach war ihm gerade sehr zumute – aber dann würde der Nachbar seine Hunde vermutlich erst recht auf seine Schafe hetzen, oder er würde ihn anzeigen, und auf jeden Fall wären sie auf immer Feinde geworden.
Er könnte den Nachbarn anzeigen – aber bis das Urteil gefällt wäre, hätten die Hunde wahrscheinlich viele weitere Schafe gerissen, und außerdem würde der Nachbar sich früher oder später rächen.
Er könnte um alle seine Weiden Stacheldrahtzäune ziehen, aber das war sehr aufwändig, und er konnte Stacheldraht nicht leiden.
Was er auch bedachte, er konnte keine Lösung finden, mit der er rundum zufrieden gewesen wäre, immer hätte er etwas in Kauf nehmen müssen, was ihm nicht behagte.
Also, noch mal langsam. Worum geht es mir eigentlich, dachte er. Ich brauche Sicherheit für meine Schafe. Ich brauche Verständnis für mein Anliegen. Ich möchte mit meinem Nachbarn in Frieden leben.
Ich bin sicher, dass der Nachbar das eigentlich auch will. Er versteht vielleicht nur nicht, wie wichtig mir jedes einzelne Schaf ist. Vielleicht denkt er, wenn auf seinen Feldern der Wind ein paar Ähren knickt, das ist auch nicht der Weltuntergang, das ist eben Schicksal.
Wie kann ich ihm verständlich machen, wie kostbar mir jedes einzelne Schaf ist? Er hat vielleicht keine Ahnung, wie sehr einem die Tiere ans Herz wachsen können.
Dann hatte er eine Idee.
Am nächsten Tag ging er auf seine Weide, lud zwei der Lämmer in seinen Wagen und fuhr zum Nachbarn. Er schenkte den Kindern des Nachbarn die beiden Lämmer, trank noch eine Tasse Kaffee mit seinem Nachbarn und fuhr dann wieder nach Hause.
Die Hunde hat er auf seinen Weiden nie wieder gesehen.



Die lange Nacht über Gewaltfreie Kommunikation im Deutschlandfunk - Barbara Leitner

Wer kennt das nicht? Gerade war alles noch in Ordnung, dann ein Blick, ein Wort, ein Satz und die Beziehung gerät ins Wanken, mit dem Liebsten, dem Kind, mit Freunden oder Kollegen. Was nährt Verbindung und Verstehen? Wodurch fühlen sich Menschen verletzt und einsam? Die „Lange Nacht über Gewaltfreie Kommunikation“ war am 27. Mai im Deutschlandfunk zu hören. Ein Manuskript zum nachlesen kann dort heruntergeladen werden.

www.deutschlandfunk.de/die-lange-nacht-ueber-gewaltfreie-kommunikation



Nichts tun, was nicht Spiel ist - Marshall Rosenberg

giraffen 4 „Wenn ich empfehle, nichts zu tun, was nicht Spiel ist, halten mich einige für radikal. Und doch bin ich fest davon überzeugt, dass es eine wichtige Form des Selbst-Mitgefühls ist, Entscheidungen aus dem reinen Wunsch zu fällen, einen Beitrag zum Leben zu leisten, und nicht aus Angst, Schuld, Scham, Verpflichtung oder Verbindlichkeit. Wenn wir uns der lebensbereichernden Absicht hinter dem, was wir tun, bewusst sind, dann enthält sogar schwere Arbeit ein Element des Spiels. Im Gegensatz dazu wird etwas, das normalerweise Freude bringt, wenn es aus Verbindlichkeit, Pflicht,  Angst, Schuld oder Scham getan wird, seine Freude verlieren und letztendlich Widerstand hervorrufen."



GFK-Meditation - Simran K. Wester

Schließe Deine Augen oder schau entspannt auf einen Punkt dir gegenüber, ohne zu fokussieren.
Setz dich aufrecht, so dass du gut atmen kannst.
Nimm wahr wie dein Körper sich anfühlt.
Nimm wahr, wie du atmest.
Beobachte, wo es deine Aufmerksamkeit hin zieht. Bemerke es, ohne zu bewerten. Atme langsam tief in Deinen Körper hinein und lass beim Ausatmen alle Anspannung los. Wiederhole noch zweimal.
Nimm wahr, wie es dir geht, wie du dich fühlst, auf der körperlichen Ebene, auf der Herzensebene und mit Blick auf dein ganzes Leben. Lass alle Gefühle zu und atme dreimal lang und tief ein und aus.
Verbinde deine Gefühle mit deinen Bedürfnissen – welche sind erfüllt, welche nicht? Wofür bist du dankbar und was fehlt dir, wonach sehnst du dich?
Lege alle erfüllten Bedürfnisse dieser drei Ebenen in die eine Hand und spüre deine Dankbarkeit, lass sie sich in deinem Körper ausbreiten. Atme wieder dreimal lang und tief ein und aus.
Lege alle unerfüllten Bedürfnisse dieser drei Ebenen in die andere Hand und sichere ihnen zu, dass du sie ernst nimmst, dass du sie im Blick behältst und dich um sie kümmern wirst. Atme wieder tief mit dem ganzen Körper, dreimal ein und aus.

Dann lade das Leben ein, dir diese Bedürfnisse zu erfüllen oder dir Wege zu zeigen, wie sie erfüllt werden können. Nimm jedes einzelne unerfüllte Bedürfnis und wiederhole in Gedanken „Ich lade das Leben ein, mir mein Bedürfnis nach … zu erfüllen“.
Atme wieder dreimal lang und tief ein und aus.
Zum Schluss lege deine Hände übereinander auf deine Brustmitte, lass es noch ein bisschen nachklingen und komm wieder zurück in die Außenwelt.



Der gute Grund - Simran K. Wester

Eine Frau bietet ein Seminar an und bereitet sich kein bisschen darauf vor. Das Seminar geht voll den Bach runter, und das hat sie geahnt. Warum hat sie sich nicht vorbereitet?

Ein Mann wird arbeitslos, ohne Aussicht auf neue Arbeit. Er schiebt die Kommunikation mit dem Arbeitsamt wochenlang vor sich her und riskiert so auch noch den Anspruch auf Arbeitslosengeld. Warum?

Weil ihr die Freundin nach zwei Jahren Funkstille so fehlt, überwindet eine Frau sich endlich, sie wieder anzusprechen. Nach zwei Tagen bricht sie den Kontakt jedoch erneut ab. Wieso fragt sie nicht nochmal nach?

Für all diese offensichtlich selbst-sabotierenden Verhaltensweisen (die übrigens oft mit viel Scham besetzt sind) gibt es einen guten Grund. Wie es hinter allen seltsamen, unpassenden, blöden, und sogar hinter destruktiven Verhaltensweisen einen guten Grund gibt. Man kann auch sagen, ein unbefriedigtes Bedürfnis, ein verborgenes Anliegen, das uns – unbewusst – ebenso wichtig ist wie unsere bewussten Anliegen.

Indem die Frau, die das Seminar angeboten hat, sich nicht darauf vorbereitet, hat sie vor sich selbst einen Grund geschaffen, warum das Seminar scheitern musste – und es konnte nicht mehr daran liegen, dass sie unfähig gewesen wäre. So hat sie sich ihr letztes Restchen Selbstrespekt bewahrt.

Indem der Mann sich der Kommunikation mit dem Arbeitsamt entzogen hat, hat er sich seine Selbstbestimmung und Würde erhalten, die er nach seinem Empfinden in der Unterwerfung unter die Regeln der Arbeitslosigkeit verloren hätte.

Indem die Frau den Kontakt abbricht, vermeidet sie, eine mögliche Ablehnung durch die Freundin zu erleben und rettet damit ihre Souveränität.

Zu erkennen, welche guten Gründe hinter dem „bescheuerten“ Verhalten stecken, und diese Bedürfnisse ganz zu umarmen und in Besitz zu nehmen ermöglicht, andere, weniger kostspielige Wege zu finden, wie sie erfüllt werden können.



Glaubenssätze und innere Wächter - Simran K. Wester

Kaum zu glauben, dass Sätze wie „Ich bin nicht gut genug“, „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder gar „Im Kern bin ich böse“, mit denen wir uns selbst ausbremsen, ursprünglich als Schutz gemeint waren – für uns selbst. Sie behindern uns an allen Ecken und Enden, und sie sind enorm widerstandsfähig. Sie lassen sich nicht einfach rausschmeißen, wegmeditieren oder durch positive Glaubenssätze ersetzen. Es sind Überzeugungen, die wir in unserer Kindheit gebildet haben, weil damals alles darauf hingedeutet hat, dass dies die Wahrheit war. Es wäre gefährlich für uns gewesen, es nicht zu glauben – wir hätten z.B. unsere Eltern überfordert, die viel zu sehr mit sich selbst oder mit der Bewältigung ihrer eigenen Probleme beschäftigt waren. Wir hätten riskiert, noch mehr Ablehnung, Bestrafung oder gar den Verlust der Familie zu erfahren, und das hätten wir nicht ausgehalten, vielleicht sogar nicht überlebt. Ich kenne eine Frau, die wurde als Siebenjährige von ihrer Mutter in die Psychiatrie gebracht (und dort angenommen), weil sie sich geweigert hatte zu gehorchen.

Um in einem Umfeld zu überleben, das uns nicht so angenommen hat, wie wir waren, vielleicht sogar mit Gewalt auf unsere Lebendigkeit reagiert hat, mussten wir uns einen inneren Wächter bauen, der uns wirkungsvoll davon abhielt, in die Gefahrenzone hinein zu gehen und uns stattdessen anpassen und auf die Erfüllung unserer Bedürfnisse verzichten.

Erst wenn wir diesen inneren Wächtern, die uns auch heute noch versuchen davon abzuhalten, unser Licht leuchten zu lassen, von Herzen „Danke“ sagen können dafür, dass sie uns unser ganzes Leben lang beschützt haben, werden sie bereit sein, die alten, hinderlichen Glaubenssätze loszulassen, die sie uns treu immer wieder in den Weg gestellt haben. Wir können dann mit ihnen zusammen eine neue Aufgabe für sie finden, vielleicht neue, positive, ermutigende Glaubenssätze finden.



DIe Auster - Rachel Naomi Remen
Auszug aus der Geschichte „Perlen der Weisheit“

„Eine Auster ist weich, zart und verletzlich. Ohne den Zufluchtsort ihrer Schale könnte sie nicht überleben. Doch Austern müssen ihre Schale öffnen, um Wasser „atmen“ zu können. Während eine Auster derart atmet, dringt manchmal ein Sandkorn in die Schale ein und wird so zu einem Teil ihres Innenlebens. Solche Sandkörner können Schmerzen verursachen, doch deshalb verändert eine Auster ihre zarte Natur nicht. Sie wird nicht hart und ledrig, um nichts fühlen zu müssen. Sie vertraut sich vielmehr weiterhin dem Ozean an und öffnet sich, um atmen zu können. Aber sie reagiert. Langsam und geduldig umhüllt die Auster das Sandkorn mit dünnen, durchscheinenden Schichten, bis sie im Laufe der Zeit an der Stelle, wo sie am empfänglichsten war für ihren Schmerz, etwas von großem Wert geschaffen hat. Man kann sich eine Perle als Antwort auf das Leiden einer Auster vorstellen. (…) Wenn man weich und verletzlich ist und auf dem sandigen Meeresgrund lebt, dann wird die Erzeugung von Perlen zu einer Lebensnotwendigkeit, wenn man gut leben will.“



Allergieauslöser - Simran K. Wester

Wenn du mehr als fünfmal das Wort „Bedürfnis“  in einer halben Stunde verwendest, riskierst du, dass die Menschen um dich herum eine Allergie gegen dieses Wort entwickeln. Bei manchen reichen auch schon weniger Male. Bei dem Wort Gefühle ist es ähnlich, wobei dieses Wort im normalen Sprachgebrauch inzwischen auch recht häufig verwendet wird – ohne dass damit allerdings Gefühle angesprochen werden - meistens handelt es sich dann um Interpretationen, Überzeugungen oder Eindrücke. Jedenfalls  empfiehlt es sich, diese Worte zu vermeiden, wenn wir versuchen, die GfK in unsere Alltagsgespräche zu integrieren. Anstatt zu sagen „ich habe das Bedürfnis nach Selbstbestimmung“ oder „mein Bedürfnis gesehen zu werden ist nicht erfüllt“, könnten wir sagen: „ich möchte das selbst bestimmen“ oder „mir geht es darum, überhaupt gesehen zu werden“.  Interessant ist dabei auch, dass selbst offensichtlich allergische Leute Wert auf die GfK legen, wenn du dann mal nicht GfK-mäßig reagierst: „Das war jetzt aber nicht GfK, Mama!“



Empathie geht vor Belehrung - Simran K. Wester

Es ist verblüffend, welche de-eskalierende Wirkung Empathie hat, sie grenzt an ein Wunder. Hier ein Beispiel, das vor Jahren in einem Seminar stattfand: Eine Frau regt sich über etwas auf, was ein anderer Teilnehmer gesagt hat, und ich versuche zu erklären, dass alles bloß ein Missverständnis sei - wenn sie das doch bloß begreifen würde, dann bräuchte sie nicht so wütend zu werden.  Sie schaut mich misstrauisch an, ereifert sich noch mehr und wird jetzt auch noch auf mich sauer (weil ich sie ja „belehre“). Alle halten den Atem an, weil plötzlich so viel Gewalt in der Luft liegt, und ich habe Angst, dass das Mobiliar kurz und klein geschlagen wird. Dann fragt ein Kursteilnehmer leise aber mit viel Mut:  „Also ich glaube, dass du einfach verstanden werden möchtest, ist das richtig? Dass wir verstehen, wie doof du dich gefühlt hast in dieser Situation, von der du erzählt hast? Und dass du es ganz schrecklich findest, hier nicht verstanden zu werden?“ Sie schaut ihn mit großen Augen an und bricht dann in Tränen aus. Lange Zeit ist nur dieses Herz-zerreißende Weinen zu hören, dann kommt langsam Bewegung in die Gruppe: Papiertaschentücher werden weiter gereicht, ein Arm legt sich um die zuckenden Schultern und schließlich wage ich die Frage: „Magst du uns erzählen, was sich gerade in dir abspielt?“ Die ganze Wut ist verflogen, und ich habe eine wichtige Lektion von Marshall Rosenberg kapiert: ‚Empathy over Education‘ (Empathie vor Belehrung).



Du brauchst deine Kinder nicht zu erziehen, sie machen dir doch alles nach! - Simran K. Weste
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“Mein 13-jähriger Sohn war neulich richtig wütend und kurz davor, einen seiner beiden jüngeren Zwillingsbrüder zu verletzen. Sie saßen zusammen auf dem Sofa. Ich tat das, was ich seit neuestem immer tue, wenn die Gefahr heraufzieht, dass sie handgreiflich werden könnten, ich setze mich zwischen sie. David saß auf einem Stuhl neben mir, atmete heftig und hatte die Hände zu Fäusten geballt. Sein Bruder saß auf der anderen Seite neben mir auf dem Sofa. Aus Gewohnheit fing ich an, David darüber zu belehren, wie wichtig es sei zu lernen, seine Wut im Griff zu haben, und dass er vielleicht ein bisschen raus oder in sein Zimmer gehen sollte, bis er sich wieder beruhigt hätte. Er atmete weiter heftig und hielt seine Fäuste geballt.

Dann sagte sein Bruder so etwas wie „David, wolltest du einfach nur mitmachen?“ Mir wurde schlagartig bewusst, dass das was David brauchte, Empathie war, und ich fing auch an, zu vermuten, was er gerade vermisste. Meine erste Vermutung war schlicht ein Echo dessen, was sein Bruder schon gesagt hatte: „Geht es dir darum, mitmachen zu können?“ Ich sah, dass Davids Fäuste sich ein kleines bisschen lockerten. Ich vermutete weiter: „Geht es dir darum zu spüren, dass du dazugehörst?“ Seine Fäuste entspannten sich noch mehr und sein Atem fing an sich zu beruhigen.

Dann sprach ich die Vermutung aus, dass sein Bedürfnis dazuzugehören seit langem nicht erfüllt war mit seinen  Brüdern. Davids Fäuste entspannten sich noch mehr, und auch sein ganzer Körper. Ich fragte ihn, ob es denn so sei, wenn er dazu gehören könnte, dass er dann auch spüren könne und vertrauen könne, dass er geliebt werde. Tränen liefen seine Wangen hinunter.

Ich bin so dankbar für die Werkzeuge der Gewaltfreien Kommunikation, durch die die Beziehung zu meinem Sohn so viel Achtsamkeit und Heilung erfahren kann.“ 

Dieses Feedback hatte Inbal Kashtan, amerikanische GfK-Trainerin und Autorin, nach einem GfK-Familiencamp bekommen. Es hat mich sehr berührt, weil es einen Ausweg aus einer alltäglichen Beziehungsfalle zeigt, in die wir mit Kindern geraten können. Viele TeilnehmerInnen an meinen Kursen sind Eltern und Lehrerinnen, und mir ist es ein großes Anliegen, ihnen zu helfen, mehr Bewusstheit und Mitgefühl in die Beziehung zu ihren Kindern zu bringen – schließlich lernen Kinder in erster Linie durch Nachahmung.



Eine Bitte ist eine Bitte wenn… - Simran K. Wester

Was macht eigentlich eine Bitte zu einer Bitte? Das Wörtchen „bitte“ bestimmt nicht, das soll meist nur eine höflich verpackte Forderung kaschieren – oder dient gar als Rechtfertigung für die Forderung: „Ich habe doch „bitte“ gesagt, da kannst du doch nicht „nein“ sagen!?“  Letztlich ist es die Haltung, mit der ein Anliegen vorgebracht wird: ist es eine Einladung an den anderen, zu meinem Glück beizutragen oder erwarte ich, dass er meinen Vorstellungen entspricht? Darf er „nein“ sagen oder will ich ihm das eigentlich nicht zugestehen – vielleicht, weil ich keine andere Lösung weiß? Eine echte Bitte ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Satz angehängt werden könnte wie „bist Du einverstanden?“ oder „Ist das für dich okay?“ Wenn sie dann auch noch positiv formuliert ist (also das gesagt wird, was man will, nicht, was man nicht will), konkret, machbar und gegenwartsbezogen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie zu einem einvernehmlichen Dialog führt.



Kopf und Körper - Jude Todd und Simran K. Wester

„…fragte mein Bruder – neun Jahre älter als ich – ob ich wüsste, mit welchem Teil des Körpers ich dachte. … Ich klopfte mit meiner Hand auf meinen treuen Solarplexus. Mein Bruder lachte und belehrte mich genüsslich, dass Menschen mit dem Gehirn denken, das sich im Kopf befinde, nicht mit ihrem Bauch.

Diese Anatomiebelehrung ist bezeichnend für die vielen Teile der Unterweisung, die ich, wie die meisten Menschen in den euro-amerikanischen Kulturen, bezüglich der Vorherrschaft des Gehirns und des Kopfes über andere Teile des Körpers erhalten habe. Solche Unterweisung hat über Generationen hinweg den Vorrang weiter gegeben, den unsere Kultur dem  „Verstand“  einräumt – von dem angenommen wird, dass er sich im Gehirn befinde – gegenüber dem „Körper“, den Vorrang der Rationalität gegenüber den Impulsen, Gefühlen und Emotionen.“ …

„Kinder werden ebenfalls so erzogen und diszipliniert, dass sie ihre Impulse und Gefühle unterdrücken, und sie werden oft dafür bestraft, ihrem eigenen Willen zu folgen. Solche „Disziplinierung“ kann in Kindesmisshandlung ausarten, die im Extremfall schlimme Narben hinterlassen kann. Wie Psychologen uns versichern, kann es so traumatisch sein, geschlagen, misshandelt oder gedemütigt zu werden, dass das Kind diese Erfahrung nicht verarbeiten kann; stattdessen unterdrückt das Kind das Trauma und speichert unterbewusst die Erinnerung daran in den entsprechenden Körperbereichen. Diese unterdrückten Traumata führen zu verhärteten Muskelstrukturen, die wiederum den Blutkreislauf und den Energiefluss behindern, was zu weiterer Betäubung der Wahrnehmung führt. Auf diese Weise wirkt sich Kindesmisshandlung ähnlich aus wie militärisches Training: es beschädigt die Verbindung zwischen Verstand und Körper, so dass das Kind – und später der erwachsene Mensch – sich nicht auf physische Eindrücke, Impulse und Gefühle stützen kann, wenn er oder sie moralische Entscheidungen trifft.

Das daraus resultierende Körper-entfremdete Denken ist nicht nur für das misshandelte Kind gefährlich, sondern auch für die Gesellschaft, in der das Kind lebt. Kinder, denen beigebracht wird, ihren Körperreaktionen zu misstrauen, lernen, externen Autoritäten zu gehorchen anstatt ihrer eigenen inneren Autorität.“ …

Diese zwei (von mir übersetzten) Abschnitte stammen aus einem Aufsatz der kalifornischen Professorin Jude Todd mit dem Titel „Body Knowledge, Empathy and the Body Politic“ („Körper-Wissen, Empathie und Körper-Politik“), nachzulesen unter : www.thefreelibrary.com Mir hat der Text Antwort auf die Frage gegeben: “Wie konnte es geschehen, dass Menschen so gehandelt haben wie Eichmann, dass ein ganzes Volk, nämlich wir Deutschen (und andere euro-amerikanische Völker sind da ja nicht so weit von entfernt) sich so grausam verhalten hat?“ – er hat es mir erleichtert, die Menschen hinter diesen entsetzlichen Handlungen zu ahnen. Es schockiert mich allerdings auch zu verstehen, dass wir alle aus einer auto-traumatisierten Kultur stammen, in der das Traumatisieren zur höchsten Eltern-Pflicht erhoben war, seit vielen Generationen. Umso wichtiger ist es mir, dazu beizutragen, dass wir heilen, dass wir „Kopf und Körper“ wieder zusammen bringen und eine Chance haben, wirklich glücklich zu werden.



Weniger blöd - Marshall Rosenberg und Simran K. Wester

Einer meiner Lieblings-Merksätze von Marshall Rosenberg, den ich gerne zitiere, weil ich ihn so herzerfrischend finde, lautet:
„Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern stückchenweise weniger blöd.“
Was für eine Erleichterung, wenn man feststellt, dass man in der Kommunikation mit den Menschen, die einem am Herzen liegen, tatsächlich weniger „blöd“ wird – wenn man hinter der Wut die Hilflosigkeit oder Verletztheit wahrnimmt und darauf eingeht, oder wenn man, anstatt die Gewaltfreie Kommunikation zu predigen es tatsächlich schafft, einfach mal empathisch zuzuhören und den anderen darin unterstützt, seine eigene Lösung zu finden. Was für eine Erleichterung, einen Weg aus dem selbstgebastelten Gefängnis zu finden!

Wenn dir nur eine Lösung zu einem Problem einfällt, bist du noch Teil des Problems
- ein weiterer Spruch von Marshall Rosenberg, den ich sehr schätze, weil er so deutlich darauf hinweist, dass die innere Freiheit, verschiedene Optionen zu finden, dadurch entsteht, dass man sich mit seinen Bedürfnissen verbindet.



Feinde-Geschichten - Simran K. Wester

Ein Mensch ist uns nur so lange fremd (oder auch ein Feind), solange wir seine Geschichte nicht kennen. Wenn wir seine Geschichte kennen und verstehen, welche Herzensanliegen bzw. Bedürfnisse diesen Menschen prägen, fällt es uns viel leichter, uns mit ihm zu verbinden, weil wir diese Bedürfnisse ja auch kennen. Feindbilder abzubauen und den Menschen hinter den Strategien zu entdecken, ist ein großes Anliegen der Gewaltfreien Kommunikation.



Tadel-los - Simran K. Wester

In einem Buch habe ich den Vorschlag gefunden, sich selbst zu versprechen, „tadellos mit meinem Wort und bedachtsam mit meinen Worten“ zu sein. Tadellos im Sinne  von ohne Tadel. Das hat mich sehr angesprochen, und sofort sind mir zahlreiche Situationen eingefallen, wo ich weder das eine noch das andere gewesen bin. Einer Freundin etwas über eine andere zu erzählen, was  diese ihr vermutlich lieber selbst – wenn überhaupt – erzählt hätte, zum Beispiel.  Ich wollte schon anfangen, mich dafür zu tadeln, habe dann aber am Eingang in die Schuld-und Scham-Sackgasse beschlossen, doch jetzt gleich tadel-los zu sein, und zwar mir selbst gegenüber.

Wie geht das. Sätze von Marshall Rosenberg fallen mir dazu ein: „Es gibt einen guten Grund für jede Handlung.“ Und: „Du tust zu jeder Zeit das Beste, was du tun kannst – wenn du etwas Besseres wüsstest, würdest du das tun.“  Und: „Sich selbst zu vergeben mit GfK geht so: wir verbinden uns mit den Bedürfnissen, die wir durch die Handlung erfüllen wollten, die wir jetzt bedauern.“

Ich besinne mich also auf das Bedürfnis, das ich durch meine unbedachten Worte erfüllen wollte. Verbindung fällt mir ein, bereichernd beitragen, Wertschätzung. Unter den Schimpfgedanken, wie unachtsam ich da mal wieder war, spüre ich mein Bedauern, dass mir in dem Moment kein besserer Weg eingefallen ist, für diese Bedürfnisse zu sorgen. Dabei merke ich, dass mein Bedürfnis, Wertschätzung für meine Kompetenz zu bekommen,  sowieso sehr verschämt ist, sich kaum traut, sich zu zeigen, weil es glaubt, nicht okay zu sein – und deswegen immer wieder aus dem Unterbewusstsein heraus sozusagen auf den Zug aufspringt, wenn ein anderes Bedürfnis sich gerade Erfüllung holt (mit Vorliebe „bereichernd beitragen“).  Und weil es aus dem Unterbewusstsein wie aus einem Hinterhalt heraus agiert, werden meine Worte unbedacht, schießen weit über das Ziel hinaus und ich stehe Konsequenzen gegenüber, für die es mir schwer fällt, Verantwortung zu übernehmen – oder ich mich selbst tadele oder verurteile. Aha. Also gilt es, dieses Bedürfnis ernst zu nehmen und mir ganz bewusst Strategien oder Wege zu überlegen, wie ich Wertschätzung bekommen kann. Ich beschließe meine Selbstreflexion damit, dass ich ebenfalls die Bedürfnisse würdige, die hinter der fast erfolgten Selbstverurteilung stehen und lade das Leben ein, mir Wege zu zeigen, wie ich in der Harmonie aller meiner Bedürfnisse bleiben kann.